Sorge dich nicht
“Sorge dich nicht, denn der Herr ist immer mit dir.“
hätte Jesus möglicherweise gesagt. Wenn wir einmal das Wort Herr durch Leben ersetzen, dann wird dieser Satz und seine Bedeutung für unser tägliches Leben vielleicht verständlicher. Also:
“Sorge dich nicht, denn das Leben ist immer mit dir, niemals gegen dich”
und weiter:
“Sorge dich nicht, denn alles was du in diesem Augenblick benötigst,
hast du bereits. Und in jedem weiteren Augenblick ebenfalls“.
Also der Herr, und damit auch der Segen des Herrn sind immer mit dir. Die Betonung liegt auf mit. Das Leben ist immer mit dir. Auch dann, wenn du manchmal verzweifeln magst und denkst, dass das Leben gegen dich sei. Aber, du denkst das nur. Das ist der Witz an der ganzen Geschichte. Du denkst, das Leben sei in gewissen Momenten gegen dich. Es verhält sich aber genau umgekehrt. Du stellst dich in ganz vielen Momenten gegen das Leben. Und so bleibt es nicht aus, dass dir die eine oder andere Lektion nicht erspart bleibt. Nicht einmal, dass man sagen könnte das Leben erteilt dir diese Lektion. Nein, du bist es selbst, der sich diese Lektionen immer wieder erschafft. Solange, bis du erkennst wie gut das Leben für dich sorgst, in jedem Augenblick. Das einzige Problem dabei ist, und deswegen leidest du immer wieder so, dass du es ständig anders haben möchtest, als es ist.
Stell dir vor, das Ganze ist ein Spiel. Du bist am Zug und möchtest gerne gewinnen. Aber vielleicht ist das heute nicht der Tag für deinen Sieg. Vielleicht möchte das Leben lieber heute mal jemand anderen gewinnen lassen, und tut das auch. Nun könntest du dich entweder ärgern, dass du dabei bist das Spiel für heute zu verlieren, oder du könntest dich entscheiden auch darin die Schönheit zu erkennen. Entweder dich einfach über die gemeinsam verbrachte Zeit zu freuen, oder zum Beispiel sogar die Freude auf dem Gesicht deines Gegenübers zu deiner Freude zu machen.
Ich spielte eine Zeit lang regelmäßig Schach, und sonntags trugen wir oft Wettkämpfe aus. Viele Partien habe ich gewonnen, aber über manche, die ich nicht gewonnen hatte, habe ich mich mindestens genauso gefreut. Dann nämlich, wenn es meinem Gegenüber und mir geglückt war, eine besonders spannende und brillante Partie zu spielen. Wer den Sieg mit nach Hause nimmt, war dann nicht mehr so wichtig. Was nicht heißt, dass ich keinen Ehrgeiz hatte. Oh doch, den hatte ich wohl. Selbst wenn meine Mannschaft den Sieg schon in der Tasche hatte (wir spielten an acht Brettern), und selbst wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt in einer eher unterlegenen Position befand, wollte ich meine Partie zu Ende bringen. Oft genug gelang es mir dann sogar, das Blatt noch einmal zu meinen Gunsten zu wenden. Manchmal vielleicht nur deshalb, weil der Gegner die Partie ja schon für seine Mannschaft gewonnen wusste und nicht mehr mit vollem Engagement bei der Sache war.
Doch zurück zum alltäglichen Leben. Wie ist es dann mit Krankheit, Verlust, Schmerz, Trauer … und anderen unangenehmen Erfahrungen und Gefühlen, die wir in der Regel gerne vermeiden möchten? Ist das Leben dann auch mit uns?
Ich sage ja, und versuche dir hier zu erklären warum:
Ein Verlust der Arbeitsstelle, eines geliebten Menschen oder einer Sache mag zunächst sehr schmerzhaft sein, aber schafft - so banal das klingen mag - stets Platz für etwas Neues. Dieses Neue mag sich dir oft erst sehr viel später zeigen, manchmal erst viele Jahre später, aber es führt kein Weg daran vorbei - um Platz für etwas Neues zu schaffen muss zuvor etwas Altes weichen. Du kannst keinen Tee in eine volle Tasse gießen. Und wenn du jetzt sagst, dass du mit dem Alten doch ganz zufrieden warst, dass du gar nichts Neues hättest haben wollen, dann verkennst du einfach die Natur des Lebens. Das Leben schreitet immer fort, ob dir das gefällt oder nicht. Das liegt in seiner Natur, du kannst es nicht aufhalten. Du kannst es dir aber zum Vorteil machen, wenn du bereit bist dich auf das Abenteuer des Lebens einzulassen. Dann plötzlich erscheint es dir so, dass das Leben für dich arbeitet, was es aber sowieso schon immer tut.
Eine Krankheit mag dich vielleicht zum Innehalten zwingen, dir Zeit geben dich dir selber zuzuwenden. Zeit, die du dir anders sonst nicht genommen hättest. Oder sie konfrontiert dich mit der Tatsache, dass du nicht unverletzlich bist, für was du dich so gerne hieltest - oder im Extremfall sogar mit dem Tod, mit der Tatsache dass wir alle, die wir einen Körper bewohnen, sterblich sind, zumindest dieser Körper.
Ganz ähnlich mit dem Schmerz, auch er will dich auf etwas aufmerksam machen, dem du bisher zu wenig Aufmerksamkeit gegeben hast.
Und wenn du traurig bist, so sei einfach traurig. Deine Trauer wird den Schmerz, auch den eines sehr schweren Verlustes heilen.
Also, wenn alle diese Ereignisse einen Sinn für uns haben, dann ist es doch sicher nicht abwegig zu sagen, das Leben sei für uns, in jedem Augenblick. Wir brauchen uns also keine Sorgen zu machen, niemals. Oder, wie Jesus es vielleicht gesagt hätte:
“Sorge dich nicht, denn der Herr ist immer mit dir.“
Erstellt am Mittwoch 10. September 2008
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